Ein Interview mit Dr. Vijai Shankar MD.PhD.


Fragen von Belle Bruins 

Amigo website

Die Niederlande

März 2002

 

Liebe als Frage

Inwieweit ist die Frage “Was ist Liebe?” überhaupt eine Frage, die beantwortet werden kann? Liebe kann keine Frage sein. Wenn es nämlich eine Frage wäre, müßte es eine Antwort darauf geben. Wenn es aber eine Antwort darauf gibt, wo ist sie denn? Die Frage ist uralt und man müsste eigentlich inzwischen eine Antwort gefunden haben. Wenn die Antwort darauf gefunden worden wäre, dann hätte sich die Frage in Nichts aufgelöst. Aber die Frage gibt es immer noch, was bedeutet, dass die Antwort eben nicht gefunden wurde. Wenn sie bis heute nicht gefunden wurde, worauf gründet sich dann die Gewissheit, dass man sie je finden wird? Mag sein, dass der Verstand die Antwort niemals findet! Nur eine einzige Antwort zu finden, die allen gefallen wird, ist unmöglich, denn jeder Verstand hat seine eigene Vorstellung von Liebe. Daher ist eine allgemeingültige Antwort eine Illusion. Es gibt individuelle Antworten auf diese Frage und aus genau diesem besonderen Grunde gibt es Diskussionen über die Liebe, denn jeder Verstand wird der Antwort eines anderen Verstandes widersprechen. Diese Widersprüchlichkeit ist normal, da zwei Menschen an einem bestimmten Zeitpunkt nicht denselben Gedanken haben können. Daher ist “Was ist Liebe?” eine illusionäre Frage, auf die es keine Antwort gibt!

 

Liebe als Konzept

Über Liebe kann man nichts wissen! Was immer der Verstand darüber zu wissen meint, ist lediglich ein Konzept. Liebe kann kein Konzept sein, denn Konzepte sind in jedem Menschen verschieden und Liebe ist nicht so begrenzt, dass sie in jedem anders sein könnte. Liebe ist weder ein Konzept noch eine Anschauung. Liebe ist auch nicht etwas, das man durch Worte vermitteln könnte. Worte können nicht das vermitteln, was man wirklich sagen will. Wenn der Verstand ins Spiel kommt, um die Frage: “Was ist Liebe?” zu beantworten, kommen seine konditionierten Konzepte über die Liebe hervor, mit denen er von außen indoktriniert wurde. Diese Konzepte beziehen sich auf die Liebe, so wie sie sein sollte. „Sollte“ bedeutet Zukunft. Diese Zukunft wird niemals eintreffen und so werden auch die Konzepte über die Liebe niemals verwirklicht. Das verursacht Leid unter Liebenden. Konzepte nehmen die Form von Erwartungen, Forderungen und Manipulationen an. Jedes Ego versucht lediglich das andere zu beherrschen. Weil die Konzepte nicht übereinstimmen, treten Streit und Zorn an die Stelle von Liebe. Die Liebe wird dann lediglich zu einem Intervall zwischen zwei Auseinandersetzungen. Diesen Intervall nennt der Verstand Liebe. Aber selbst das ist nicht Liebe. Die Ruhepause zwischen den Auseinandersetzungen, die der Verstand Liebe nennt, ist tatsächlich nur eine Pause vor der nächsten Auseinandersetzung, in der jeder wieder seine geistigen Konzepte über Liebe verteidigt. Alle Vorstellungen und Konzepte von Liebe stellen bloß einen Kuhhandel dar. Daher können Konzepte auch nicht Liebe sein.

 

Ego und Liebe

Es ist das Ego, das die Frage stellt: “Was ist Liebe?” Wir sollten uns daran erinnern, dass das Ego falsch ist; damit wird auch die Frage falsch. So werden die Antworten ebenfalls, die das Ego sich selbst und anderen gibt, falsch sein. Diese Falschheit wird vom Ego als wahr angenommen. Das, was falsch ist, hat aber im Leben keinen Platz. Darum ist es schwierig, Liebe im Leben zu finden. Wenn das Ego sagt: “Ich liebe dich”, meint es bloß: “Ich brauche Liebe, ich möchte geliebt werden.” Das ist Herrschsucht, eine Art geistige Versklavung. Aufgrund seiner Abhängigkeit und seines Sicherheitsstrebens stillt der andere die Bedürfnisse und Forderungen des dominanten Egos. Das hält das dominante Ego für Liebe. In Wirklichkeit ist es jedoch nur Duldsamkeit, die sich als Liebe ausgibt. Solange das Ego da ist, kann Liebe nicht sein. Das Ego ist immer in der Vergangenheit oder in der Zukunft, und Liebe immer im zeitlosen Jetzt. Liebe geschieht in dem Moment, in dem sich das Ego im Geliebten auflöst. Nur der andere bleibt, das Ego ist abwesend. So wird die Liebe zu einer solchen Blüte gelangen, dass sogar der andere sich auflöst. Dann werden beide abwesend sein und nur das Eine bleibt. Namenlos und formlos. Dieses Eine ist Liebe.

 

Liebe – eine Illusion

Wenn die Welt eine Illusion ist, und das ist sie, dann sind auch die Gedanken Illusion. Wir wollen versuchen zu verstehen, warum die Worte: “Ich liebe dich” eine Illusion sind. Wenn das Ego sagt: “Ich liebe dich”, versucht es den anderen zu überzeugen, dass es ihn liebt. Ständiges Wiederholen der Wörter: “Ich liebe dich” kreieren den Glauben, dass er oder sie den anderen wirklich liebt. Wenn Liebe wirklich da ist, wo bleibt dann die Notwendigkeit zu sagen: “Ich liebe dich”? Es gibt keine Notwendigkeit zu sagen: “Ich liebe dich” oder über Liebe zu diskutieren oder zu reden. Man kann nur über das sprechen, was abwesend ist. Was anwesend ist wird durch sich selbst offensichtlich, und es gibt keine Notwendigkeit, darüber zu sprechen. Wenn Liebe da ist, ist sie da - gegenwärtig, lebendig und pulsierend. Nur weil keine Liebe da ist, muss das Ego sagen: “Ich liebe dich”. Die Abwesenheit von Liebe wird für Anwesenheit von LIEBE gehalten. Was tatsächlich anwesend ist, ist Duldsamkeit dem anderen gegenüber, weil man von ihm abhängig ist und nach Sicherheit strebt. Es ist eine Illusion zu glauben, Liebe sei anwesend, nur weil man sagt: “Ich liebe dich”. Die Worte: “Ich liebe dich” führen zu der Überzeugung, dass Liebe da sei. Dieser Glaube beschwört die Angst herauf, dass Liebe verschwinden könnte. Das Ego verlangt nach Wiederholung und fühlt sich getröstet, weil es dadurch glaubt, dass Liebe da ist. Der Verstand hat die Angewohnheit, den anderen in ein Objekt, das man benutzen kann, zu verwandeln. Das liegt daran, dass der Verstand durch die Sinne das erkennt, was objektivierbar ist. Dieser Mechanismus veranlasst den Verstand Liebe in ein Objekt zu verwandeln, das man benutzen kann. So verwandelt der Ehemann durch den Verstand seine Frau in ein Objekt, das er benutzen kann und ebenso verwandelt die Frau durch ihren Verstand den Ehemann in ein Objekt, das sie besitzen kann. Das ist keine Liebe. Der Verstand stellt sich vor, was Liebe sein sollte. „Sollte“ verweist immer in die Zukunft. Die Zukunft gibt es nicht und so wird es auch die Liebe in dem Moment nicht geben, in dem man sagt, wie sie sein sollte.

 

Die Frage “Was ist Liebe?” kann also nicht beantwortet werden. Wenn irgendjemand eine Antwort auf die Frage, was Liebe ist, gibt, sei daran erinnert, dass das nicht Liebe sein kann. Liebe ist deine wahre Natur und kein Geisteszustand. Es wäre daher passender zu fragen: “Was ist nicht Liebe?”

 

Liebe als das Bekannte

Liebe kann niemals das Bekannte sein, denn Liebe ist das Unbekannte. Liebe ist wie das Leben, unbekannt, geheimnisvoll und unlogisch. Das Ideen- und Regelwerk des Verstandes kann niemals Liebe beinhalten. Liebe ist wie Atmen, grundlos und dennoch da! Wir hungern nach Liebe, weil Liebe unser Wesen ist. Solange wir nicht wissen, wer wir sind, wird der Durst nach Liebe da sein. Dieser Durst ist einfach nur die Sehnsucht, uns selbst zu begegnen! Liebe hat keine Bedeutung. Liebe, genauso wie auch das Leben, sind geheimnisvoll und kennen weder Logik noch Argumente. Liebe ist wie ein Atemzug. Du kannst nicht sagen, ich will nur zwei Stunden am Tag atmen und den Rest des Tages nicht. Genauso wie das Atmen ist Liebe immer gegenwärtig. Liebe ist Leben und was auch immer der Verstand darüber denkt, Liebe hat nichts damit zu tun. Du liebst einfach alle und alles. Du bist Liebe und nicht irgendein Konzept oder irgendeine Anschauung.

 

Ergebung

Ergebung geschieht in dem Moment, in dem wir erkennen, dass das Ego nicht der Handelnde ist. Ergebung geschieht in dem Moment, in dem wir erkennen, das wir das Leben nicht führen, sondern das Leben für uns geführt wird. Ergebung geschieht in dem Moment, in dem wir erkennen, dass wir das Leben nicht geschehen machen sondern das Leben uns geschieht.

 

Gnade

Gnade ist die tatsächliche Essenz des Lebens. Gnade ist ein anderer Name für Liebe. Es ist Gnade, die uns lebendig hält. Sie macht Sehen, Hören, Schmecken, Riechen und Tasten möglich. Es ist Gnade, die dem Verstand Empfindungsfähigkeit verleiht.

 

Liebe als ein Hinweis zur Erkenntnis

Alle Überzeugungen sollten aus dem Verstand verschwinden. Überzeugungen basieren auf Zweifeln. Wenn man beginnt, dem Verstand zu misstrauen, dann richtet sich der Zweifel auf das Zentrum. Dies wird der Anlass für Vertrauen in einem selbst sein. Vertrauen umgekehrt wird sich selbst als Hingabe ausdrücken, die Liebe zur Existenz ist. Diese universelle Liebe für die gesamte Existenz ist selbst wiederum ein Hinweis für die Erkenntnis, dass Bewusstsein die erste Illusion von Gewahrsein ist!

 

Bhakti

So lange das Ego hinter dem Bhakti steht ist Bhakti nur ein anderer Akt des Egos. Wenn Bhakti zeitorientiert ist dann ist dieses Bhakti im Verstand, denn Zeit ist im Verstand. Bhakti ist zeitlose erinnerungslose Erinnerung daran, dass Gewahrsein alles ist, was es gibt! Dieses erinnerungslose Erinnern an Gott ist Liebe.

 

Handeln

In dem Moment, in dem du erkennst, dass Gott zu „tun“ oder zu „bekommen“ unmöglich ist, sind alle Fragen vorbei. Dieses Verstehen ist so lange unvollständig, solange noch Fragen bestehen und zwar darum, weil das Ego glaubt, dass es der Handelnde sei! Das Ego ist lediglich jemand, der behauptet der Handelnde zu sein ohne es in Wahrheit zu sein!

 

 

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